Ferien (Teil I)

„Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr, wie bei der Jagd nach Erholung.“
Laurence Stern (1713-68), Pfarrer, Domherr und Schriftsteller

Ferien– für viele ein grosses Ziel, vor allem die Sommerferien.
Ferien– etwas Wunderbares, ein „Tapetenwechsel“ mit dem entsprechenden geopsychischen Effekt.
Ferien– anderes Klima, andere Menschen, anderes Licht, andere Geräusche, andere Speisen.
Ferien– Strände, Wasser, Berge, Panoramas.

Ferien können aber auch zur Belastung werden, zum Familienstress, zur partnerschaftlichen Zerreissprobe ausufern: Nie werden in Deutschland so viele Scheidungsbegehren eingereicht wie nach den Sommerferien.

Ferien bedeutet aber irgendwann mal auch: Ferienende. Rückreise. Die Post. Die Mails (für diejenigen, die sie in den Ferien nicht abrufen.) Wie sehen die Pflanzen aus, der Garten? Die Wohnung, vor allem wenn Teenies alleine zu Hause waren…? Und, fast vergessen, da wäre ja noch der Arbeitsbeginn. Kann es sein, dass er das Schlimmste an der Rückkehr ist? Einige werden jetzt still und leise nicken. Meine Zielgruppe für diesen Blog.

In der Tat ist die Arbeit für viele Menschen nur noch zu einem notwendigen Übel verkümmert. Wann ist Feierabend, wann ist Wochenende, oder sogar: Wie lange „muss ich noch“ bis zur Pensionierung? gehören zu den am häufigsten gestellten Fragen.
Radiomoderatoren zelebrieren den Feierabend- und vor allem Wochenendkult, als gäbe es nach dem nächsten Weekend keinen Montag mehr. Am Mittwoch werden Bergfeste gefeiert: „Mehr als die Hälfte geschafft!“ Und das Interessante daran: Es ist ein wahrscheinlich weltweites Phänomen, ob SRF 3, SWR 1, Ö3 oder 94.5 aus Kapstadt. Dieser Sender schoss schon mal den Vogel ab: Ich fahre vom Cape Town Airport auf der N2 Richtung Stellenbosch, vorbei am Township Khayelithsa (1,5 Mio leben in diesem Township, vielen hätten gerne irgendeinen Job…), es ist Montag (!) Mittag, als der Moderator, Koebus, hinaus posaunt: „It is twelve o’clock, folks, half Monday is done, the weekend is near!“

Für viele ist die Arbeitswoche nur noch eine Unterbrechung zwischen zwei Wochenenden. Aber zum Glück gibt es noch Ostern, Auffahrt, Pfingsten, 1. Mai, und den 1. August. Wie bitter, wenn einer dieser Tage auf ein Wochenende fällt. Wie kann man nur so rücksichtslos den Kalender planen? Die Deutschen haben den Tag der Einheit und ganz viele Heilige, die an ihrem Tag auf frei bestanden haben.

Die mediale Beeinflussung ist mittlerweile so gross, dass viele nicht merken, dass sie beinahe einen Drittel ihres Lebens vor dem Fernseher oder anderen Bildschirmen verbringen. Vielleicht haben die alle auch einen Lebenstraum, ihr real gelebter heisst aber Ablenkung.

Andere sind zukunftsorientiert: „Wenn ich dann nicht mehr arbeiten muss (als Rentner zum Beispiel) mache ich…“ Mein Vater funktionierte so: Mit 65 wollte er sein kleines Heizölgeschäft aufgeben, genug der Abhängigkeit vom Spottmarkt und das Feilschen mit Eigenheimbesitzer um 3 Rappen/Liter. Er tat es mit 65 ½, am dritten Tag seiner ersten Ferien als Rentner besuchte er das Kloster Einsiedeln, danach fühlte er sich in Engelberg in der Ferienwohnung nicht wohl, Stunden später war er tot, verblutet auf dem OP-Tisch des  Kantonspital Luzern. Ich, in den frühen Morgenstunden herbeigeeilt nach einem Anruf einer Assistenzärztin, durfte die lebenserhaltenden Maschinen abstellen, weil ich in den Augen des medizinischen Staffs Arzt und nicht in erster Linie meines Vaters Sohn war…

Diesen Moment, der auch nach mittlerweile 22 Jahren nicht einfach vorbei ist, hat mich geprägt und es reifte in mir der Entschluss, Dinge, die mich interessieren, die Spass machen, nicht erst nach der Berentung, sondern laufend zu tun: Schräge Vorträge und Seminare zu halten, eine Romantrilogie zu schreiben, Kabarett spielen, mit meinen erwachsenen Kindern (Sohn und Tochter) nächsten Monat für ein paar Tage nach Düsseldorf fahren, um uns am längsten Tresen der Welt das bisherige Leben nochmals zu erzählen. Bisher hat das alles ganz gut geklappt (und in Düsseldorf herrscht nicht tote Hose, auch wenn die gleichnamige Band von dort stammt. Und die Fortuna ist wieder erstklassig, im Gegensatz zu Köln – hihihi….)

So, so viel zum ersten After-Ferien-Teil. Im zweiten werde ich Euch ein paar Nachdenkfragen stellen. Nicht vergessen: Arbeitszeit ist auch Lebenszeit. Die kommt nicht wieder.

Stay tuned!

@ Marco Caimi, maennerpraxis.ch