„Never, never, never, never give up!“

Winston Churchill

 Arbeitszeit ist Lebenszeit. Trotzdem verharren nicht wenige Menschen in einem Job, der sich insbesondere durch rhythmisch wiederkehrende Wochenenden und Ferien strukturiert: „Montag, halb zehn und die Woche will kein Ende nehmen.“ Hört man Radio SRF3, kommt man zu Glauben, dass Leben bestehe aus Freitag Abenden, Samstagen, Sonntagen und im Sommer aus Open-Air-Festivals – von Schlamm-Gallen bis Greenfield und Gampel.

Warum aber verharren Menschen in beruflichen unbefriedigenden oder gar belastenden Situationen? Im Vordergrund steht die Komfortzone („irgend etwas muss ich ja tun und überall stimmt was nicht…“), aber auch die verständliche Angst, nichts mehr zu finden, gerade wenn man nicht mehr young, free and independent ist, sondern Verantwortung für eine Familie hat. Gerade Menschen, die auf die fünfzig zugehen oder diese Marke gar überschritten haben, tun sich darin schwer. Verliert man eine Stelle wider Willen, kommt oft eine Negativspirale in Gang.

Nicht selten nagt eine Arbeitslosigkeit an der physischen und vor allem psychischen Substanz. Gemäss einer Studie der Universität Leipzig seien zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen psychisch erkrankt.

Dass Arbeitslosigkeit die Menschen bis tief in ihre Seele hinein betrifft, weiss man spätestens seit der berühmten Studie über die „Arbeitslosen von Marienthal“ (in der Nähe Wiens) aus dem Jahre 1933 (!). Ihre damals hoffnungslose Situation mit den hinlänglich bekannten politischen Auswüchsen führte zur Resignation und einem veränderten, langsameren Zeiterleben.

Heute wird fast unbestritten davon ausgegangen, dass Arbeitslosigkeit zu einer Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes führt (Kausalitätshypothese) mit den Folgen:

Depressive Verstimmung, Verlust von Selbstvertrauen und –achtung, veränderte negative Selbstwahrnehmung, Hilf- und Hoffnungslosigkeit und sozialer Regression (Rückzug mit evtl. sogar Einsamkeit), diese teilweise auch finanziell bedingt („kann ich mir nicht mehr leisten“.)

Diesen Ansatz hat die deutsche Depressionshilfe aufgenommen. Nach ihr sind unbehandelte seelische Mangelzustände das grösste „Vermittlungshemmnis“ für längere Zeit Arbeitslose. Bei Bewerbungsgesprächen stimmt gar nichts mehr: Rhetorik, Körpersprache, Selbstsicherheit und damit Überzeugungskraft für den Interviewer.

Es gibt aber auch die andere Seite: Gemäss Prof. Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig lägen die Verhältnisse oft andersrum: Seelische Erkrankungen mit Antriebsmangel oder chronischer Müdigkeit führen zur Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück ins Berufsleben (Selektionshypothese).

Gemäss Prof. Wolfgang Schneider (Universität Rostock) gelte für Langzeitarbeitslose sowohl die Kausalitäts- als auch die Selektionshypothese.

Wie komme ich dazu, mich mit diesem Thema so intensiv zu befassen? Ein nicht kleiner Teil der Arbeit in der Männerpraxis besteht darin, Menschen (Männer und Frauen) bei beruflicher Neuorientierung zu begleiten. Es herrscht immer noch der Irrglaube, dass ein gutes Bewerbungsdossier es schon richten würde. Dieses (Dossier) ist aber nur die unabdingbare Grundlage. Diagnostisches Erfassen von körperlichen oder psychischen defizitären Zuständen, Bewerbungstraining, Auffangen von Enttäuschungen, Neumotivation, Optimierung von körperlicher Leistungsfähigkeit („wirke ich schlaff oder mit Energie versehen?“), Aura-Verbesserung („wie wirke ich, was strahle ich aus, was sind meine nonverbalen Botschaften?“), manchmal wenn nötig auch der Einbezug von LebenspartnerInnen, aber auch Kreativitätsarbeit (Entwickeln und Begleiten von und bei alternativen Berufsideen – nicht selten sind aus schier hoffnungslosen Situationen schon erfolgreiche Selbständigkeiten entstanden!) gehören zur Therapie- und vor allem Coaching-Arbeit. Und darin der Glaube an ein gutes Ende, die Förderung der Beharrlichkeit und das Vermitteln der Botschaft, dass man nicht alleine mit seinem Schicksal ist. Gerade die staatliche Seite beschränkt sich nicht selten auf die Kontrolle der Anzahl Pflichtbewerbungen. Es klingt noch an meinem Schallgebälk, als mir Werner Kieser, mein alter Weg- und Streitgefährte einst sagte (Zitat): „Wenn Beamte(da gab es noch Beamte! Anmerk. d. Schreibenden) der Arbeitsvermittlungsstellen Arbeitslose wieder in einen Beruf bringen wollen, ist es das Gleiche, wie wenn man in Holland Bergführer ausbilden würde.“ (Zitatende)

Denn: Diese Arbeit erfordert ein hohes Coaching- oder manchmal auch therapeutisches Engagement, nicht selten auch am Wochenende, wenn die Zeit still zu stehen scheint. Der Preis dafür ist nicht nur oder primär die bezahlte Honorarnote, sondern der neue Arbeitsvertrag, die Beurkundung oder die anfängliche Begleitung unserer Gäste, Klienten und Patienten in eine Selbständigkeit, die sich erfolgsversprechend entwickelt.

© Dr. med. Marco Caimi, maennerpraxis.ch